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Chiang Mai – Auf zur heiligen Wasserschlacht

Wenn die „Rose des Nordens“ begossen wird

Es fließt, spritzt, tropft und plätschert an allen Ecken und Enden der Stadt. An diesem sonnigen, wolkenlosen Apriltag beginnt das neue Jahr, und in der thailändischen Stadt Chiang Mai, der „Rose des Nordens“, wird es wie auch an anderen Orten des Landes mit einer gewaltigen Wasserschlacht begrüßt. Jedoch ein bisschen ausgelassener, intensiver und damit auch feuchter als anderswo, denn Chiang Mai ist sozusagen das Zentrum der Neujahrsfeierlichkeiten. Überall haben sich kleine Gruppen von Menschen gebildet, die sich mit Wasserpistolen, Eimern, Schläuchen, ganzen Bottichen und Talkum-Puder bewaffnet haben und jetzt zum ultimativen Schlag gegen alles ausholen, was noch trocken ist. Viele Leute haben sich die Gesichter mit einer weißen Paste aus Talkum-Puder und Wasser beschmiert, einige tragen Blumenketten und auf den Gesichtern der Menschen liegt ein verschmitztes Lächeln. Manche machen sich einen besonderen Spaß daraus, mit Eiswasser um sich zu spritzen. Vielen ist die eisige Dusche willkommen, immerhin ist der April einer der heißesten Monate und markiert das Ende der Trockenzeit. Ein symbolischer Beginn der fruchtbaren Jahreszeit ist es also, den das Songkran-Fest markiert.

Am Morgen wartet die religiöse Pflicht

Fast wähnt man sich als Gast auf einem gigantischen, landesweiten Kindergeburtstag. Songkran heißt das Neujahrsfest in Thailand, auf das nicht nur kleine, sondern vor allem große „Kinder“ sich das ganze Jahr über freuen. Der Morgen des Neujahrsfestes jedoch beginnt mit religiösen Pflichten. Die Menschen versammeln sich in den Tempeln, um ihrer Ahnen zu gedenken und Segen für das neue Jahr zu erbitten. Kleine Gaben wie Reis, Obst, Gemüse, Gewürze und natürlich Wasser bringen die Gläubigen mit in den Tempel, um sie liebevoll neben den Altaren und Buddha-Statuen zu arrangieren. Auch die Buddha-Figuren werden an diesem besonderen Tag mit Jasmin-Wasser geduscht. Die Altare sind mit Kerzen und Plastikblumen dekoriert worden. Die Mönche haben an Songkran in Thailand besonders hart zu arbeiten: Sie murmeln Gebete für alle, die im Tempel Segen erbitten. Der älteste Mönch in jedem Tempel hat eine besondere Aufgabe: Es besprenkelt die Gläubigen mit Wasser, das als besonders heilig angesehen wird.

Miss-Wahl im Tempel

Wasser hat als notwendige Lebensressource in fast allen Kulturen einen besonderen Stellenwert. In Thailand ist Songkran ursprünglich ein Fest für die Familie. Kinder, die für Arbeit oder Heirat ihre Heimat verlassen haben, kehren zurück nach Hause. Am Neujahrstag selbst werden die Hände der Eltern und Großeltern mit parfümiertem Wasser benetzt – ein Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit. Viele Menschen machen sich schon in den frühen Morgenstunden an Songkran auf zu den Gräbern ihrer Vorfahren, um auch diese mit dem duftenden Nass zu besprenkeln. Sind diese religiösen Verpflichtungen erst einmal erledigt, ist der Rest ein Riesenspaß. Wagen, die mit Blumen geschmückt sind, versammeln sich zu Prozessionen, die von Fanfarenzügen angeführt werden. Die jungen Frauen putzen sich zu dieser besonderen Gelegenheit ganz besonders schön heraus. Sie legen glitzernde Kleider an und ihren besten Schmuck. Denn in vielen Dörfern und Städen wird an Songkran eine Art Miss-Wahl abgehalten. Ungewöhnlich für europäische Verhältnisse, findet diese Wahl zur Schönheit der Stadt oder des Dorfes meist im Tempel statt, immerhin handelt es sich bei Songkran um ein zentrales Ereignis im religiösen Leben der Gemeinschaft. Ein wenig ungewöhnlich für den westlichen Touristen ist auch, dass im Tempel zu diesem Anlass Pop-Musik aus den Lautsprechern schallt wie in einer Disko. Meditative Ruhe kann an anderen Tagen geübt werden, nicht aber an Songkran. Ein wenig wird man an Karneval erinnert, wenn man die ausgelassenen Menschen bei der Parade betrachtet, die ihre weißen Talkum-Masken stolz zur Schau tragen. Weiße Kreise wird üblicherweise von Mönchen verwendet, um die Gläubigen beim Beten zu segnen.

Chiang Mai

Chiang Mai ©TK

Von allem Übel und Unglück rein gewaschen

Als Tourist wird man an Songkran nicht vorsichtiger behandelt als alle anderen Menschen auch, sondern großzügig mit Wasser durchtränkt. Im Gegenteil, denn schließlich handelt es sich um einen besonderen Segen und Spaß, den man aus Gastfreundlichkeit den Fremden ebenfalls angedeihen lassen möchte. Die allgemeine Dusche ist auch ein Symbol für das Reinwaschen von allem Übel und Unglück. Deshalb sollte man sich für die dafür auch immer ausgiebig bedanken. Nicht immer ist man glücklich, wenn man von dem Nass getroffen wird. Denn viele Menschen befüllen ihre Wasserpistolen und Eimer nicht nur mit Frischwasser, sondern auch mit Dreckwasser aus dem Kanal. Das ist nicht böse gemeint, sondern ein Versuch, trotz Wassermangels die Menschen um sich herum an dem segensreichen Ritual teilhaben zu lassen. Abends legt sich der Trubel in den Straßen, und allein die Eimer und Kübel zeugen noch von dem feucht-fröhlichen Tag. Sie bleiben stehen, denn am nächsten Tag geht es weiter mit der Wasserschlacht. Insgesamt dauert das Fest drei Tage, traditionell vom 13. bis zum 15. April. Wer auch sonst kein Thailändisch spricht – nach Songkran wird man mit Sicherheit einen Satz in und auswendig kennen, der an diesem Tag tausendfach wiederholt wird: „Sawasdee Pee Mai“ (Frohes Neues Jahr).